Digitales Erbe in der realen Welt

Es ist manchmal gar nicht so einfach im Leben. Wer hätte das gedacht. Aber so richtig kompliziert kann es nach dem Tod werden. Neben der Trauer um einen – hoffentlich lieben – Menschen sind ganz profane Dinge zu regeln, wie Abmeldungen aus Vereinen, Kündigung von Versicherungen, Kontaktaufnahme mit Banken und vieles mehr.

Bisher war die Abwicklung solcher Formalitäten in einem einigermaßen geordneten Haushalt zwar eine Arbeit, die einen tagelang in einen Sherlock-Holmes-Zustand versetzen konnte, aber wenn die Aktenordner gesichtet waren, konnte man sich ein gutes Bild machen, welche Schritte notwendig werden.

Die beste Strategie an solche Daten zu kommen, ist das Verfolgen der Zahlungsströme.

Was nun, wenn der Nachlass nicht nur aus Old-School-Aktenbergen besteht, weil der liebe Mensch der beste Kunde von Billigversicherung24.com, Internetprovidern, Facebook, Onlinebank4711, Google und Microsoft oder Apple war. Als Anhänger einer einfachen Lebensweise hat er die meisten Dinge Online abgewickelt.

Nun wird der klassische Onlinekunde zwar nicht den allermeisten Papierkram zu Hause haben, aber eine EC-Karte oder eine Kreditkarte werden vermutlich vorhanden sein, so dass man zumindest die Hausbank recht schnell herausbekommen wird. Weitere Bankverbindungen sind meistens weit weniger offensichtlich. Tagesgeldzinsjäger wechseln die Banken manchmal häufiger als mancher Zeitgenosse seine Fenster putzt.

Es kann bereits schwierig sein, herauszufinden, dass er überhaupt Kunde bei Onlinebank4711 war, weil viele Onlinebanken mit sogenannten Postboxen arbeiten und Briefe, Korrespondenz und Abrechnungen auf diesem Wege zur Verfügung stellen. Das ist für den digitalaffinen Kunden und die Bank gleichermaßen praktisch. Die Verarbeitung und Ablage der Bankpost kann nämlich richtig in Arbeit ausarten. Schön, wenn die Dokumente in der Postbox zur Verfügung gestellt werden. Aber wehe, man trifft auf eine Postbox, wenn man den Nachlass ordnet. Die Onlinebank4711 wird nämlich an dem Tag, an dem sie vom Tod des Kontoinhabers erfährt, nicht nur das Konto sperren und das Finanzamt benachrichtigen, nein, auch die Postbox wird gesperrt.

Wenn Sie glauben, dass Sie jemals einen Blick in die Postbox werfen können, vergessen Sie das, wenn sie nicht Anwalt sind. Die Systeme gehören der Bank. Sie können allenfalls Kopien der Dokumente bekommen, die Sie einzeln benennen müssen. Das ist nicht so leicht, weil ja unser lieber Verblichener seine Ablage optimiert hat und die meisten Dokumente zwar zur Kenntnis genommen hat, aber gar nicht erst auf den eigenen PC heruntergeladen, geschweige denn ausgedruckt hat.

Ähnlich kann es mit Billigversicherung24 sein. Allerdings sind Versicherer meistens um mindestens eine Stufe kooperativer als Banken, denen das Bankgeheimnis immer dann ganz besonders wichtig ist, wenn es einem Anfrager gerade so gar nicht in den Kram passt. Das größte Problem wird vermutlich sein, herauszufinden bei welchen Versicherungen überhaupt Verträge existieren.

Sie bekommen vielleicht langsam eine Idee, dass die einfache Onlinewelt sich dann in ein überaus unpraktisches Ungetüm verwandelt, wenn der begeisterte Benutzer das zeitliche gesegnet hat und auch keine weiteren Tipps mehr geben kann.

Aus meiner Sicht recht einfach stellt sich die Angelegenheit mit sozialen Netzwerken dar, hier ist im Grunde keine Aktion notwendig. Facebook wird in 50 bis 80 Jahren je nach demografischer Entwicklung im Herkunftsland des Profils vermutlich von allein auf die Idee kommen, dass man das Profil wohl mal irgendwann löschen könnte.

Google ist da einen Schritt weiter, hier kann man eine automatische Löschung aller Daten einstellen, falls man nicht in einer bestimmten Zeit (z.B. 90 Tage) irgendeinen der Google-Dienste mit klarer Identifizierung nutzt. Selbst, wenn jemand das hypermoderne Smartphone des Verblichenen noch für eine Weile benutzt und der Google-Mail-Account somit noch für ein paar Monate abgefragt werden könnte, wird irgendwann der Tag kommen, an dem Schluss ist mit dem Online-Leben. Möglicherweise verlängert sich die Zeitspanne noch etwas weiter, wenn Geräte wie Google-TV im Spiele sind. Aber grundsätzlich halte ich den Google-Ansatz für vernünftig. Das erinnert ein wenig an den Ansatz der Deutschen Rentenversicherung abgeschaut, die von im Ausland lebenden Rentnern – aus gutem Grunde – jedes Jahr eine Lebensbescheinigung sehen möchte.

Es ist erst ein paar Tage her, dass der Europäische Gerichtshof sein Urteil zum „Recht auf digitales Vergessen“ gefällt hat, die Frage sollte allerdings erlaubt sein, ob man nicht irgendwann auch zu einem „Recht auf digitale Erinnerung“ kommen müsste und wie so etwas aussehen könnte.

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